Buchtipps

Juli Zeh „Unterleuten“


Nach ihrem Debütroman „Adler und Engel“, erschienen 2001, mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und ein Welterfolg, legt die 1974 in Bonn geborene, derzeit in Brandenburg lebende Autorin, einen brillant geschriebenen Gesellschaftsroman vor.

Aus unterschiedlichen Beweggründen treffen der Großstadt überdrüssige Städter im  ca 100 km von Berlin entfernten Ort „Unterleuten“ auf die alteingesessene Bevölkerung,  die sich seit ewig kennen und in Freund- und Feindschaft miteinander verbunden sind. In diesem Mikrokosmos leben starke Charaktere, wie Kron, Altkommunist und Wendeverlierer, der gegen die Ungerechtigkeit der neuen Zeit Stellung bezieht und die alten LPG-ler hinter sich weiß. Sein historischer Gegenspieler Gombrowski stammt aus der Familie der alten Großgrundbesitzer des Ortes, der wie die Kleinbauern ebenfalls in die LPG gezwungen wurde und seinen Familienbesitz nach der Wende zurückerhält und mit seinem Betrieb der größte Arbeitgeber im Ort ist. Aber auch die Neubürger haben ganz unterschiedliche Interessen, vom Leiter des Vogelschutzbundes Gerhard Fließ bis zur Pferdeflüsterin Linda Franzen. Mit der Planung eines Windparks trifft die Energiewende auf Unterleuten. Handfeste materielle Interessen treffen nun zusätzlich auf die unterschiedlichen Personen und Gruppen. Juli Zeh kann bescheinigt werden einen hervorragenden, äußerst spannenden und unterhaltsamen, in weiten Strecken auch humorvollen Roman geschrieben zu haben. Trotz der 600 Seiten, eine sehr kurzweilige Lektüre.  JH

 

Paul Mason „Postkapitalismus „


Paul Mason vertritt in seinem Buch „Postkapitalismus -Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ die These: Wir stehen vor etwas Neuem. Wir haben unsere Welt durch Unterlassung und hinhaltendem Verhalten in vor allem drei  Kernbereichen, dem Klima, der Demographie und den Finanzen, in eine Situation gebracht, die das Risiko schwerer Erschütterungen in sich birgt. Es sieht so aus als würden sich die Folgen dieser drei sich gegenseitig noch verstärkenden Hauptprobleme auf Grund der Grenzen der menschlichen Willenskraft noch dramatisch verschärfen. Der Druck auf Veränderungen wird in den kommenden Jahrzehnten so zunehmen, dass sich zwangsläufig entscheidende Veränderungen einstellen werden. Wenn wir Einfluss auf die Gestaltung nehmen wollen, müssen wir Position beziehen.
Dieses Buch stellt themenübergreifend viele Fakten dar, welche dringend notwendige Diskussionen auslösen werden. JH

 

Irmgard Keun „Kind aller Länder“


Eine interessante Wiederentdeckung  und kurzweilig zu lesen ist der 1938 in Amsterdam erschienene Exilroman „ Kind aller Länder“ von Irmgard Keun . Nach der Lektüre von  Volker Weidermanns kenntnisreichen  Buch „Ostende 1936. Sommer einer Freundschaft“  ist unschwer der autobiographische Bezug  in diesem Roman zu erkennen. Kully, ein kleines aufgewecktes Mädchen,  erzählt vom rast-und ruhelosen,  aufregenden  Leben ihrer  Familie im Exil.  Der  Vater , ein bekannter Schriftsteller und Journalist, muss Deutschland verlassen , seine Bücher  sind dort verboten , zusammen mit Frau  und Kind reist er quer durch Europa bis nach Amerika,  immer  auf der Suche nach neuen Geldgebern  und Sponsoren für seine Buchprojekte, immer in der Sorge um Visa und gültige Ausweisdokumente . Sobald  das  Geld aufgetrieben, ist  es  verschwenderisch  wieder ausgegeben. Frau und Kind bleiben oft mittellos  „als Pfand“ in den Hotels von Brüssel , Ostende, Amsterdam usw. zurück , die Gläubiger vertröstend,  und auf den Vater wartend .Kully ist oft auf sich  allein gestellt und so erkundet sie mit kindlicher Neugier und Unbefangenheit  ihre Umwelt  und versucht sie sich zu erklären und zu deuten, daraus entsteht ein bewegendes Zeitdokument mit beklemmend aktuellen Bezügen.SH

 

Heinz Strunk „Der goldene Handschuh“


Was soll ich sagen? Ich konnte und wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Nicht unbedingt weil eine Identifikation mit dem Hauptcharakter stattfindet – ganz sicher nicht – aber gerade weil es stellenweise so  befremdlich ist. Heinz Strunk nimmt einen mit in Gesellschaftsschichten und Persönlichkeitsmuster, die einem weniger vertraut sind, und gerade hier liegt die Faszination des Buches.

 

Erzählt wird die Geschichte von Fritz Honka, Stammkunde des „Goldenen Handschuhs“, Alkoholiker, Sexualtriebtäter und Mörder, der in den 70er Jahren durch einen spektakulären Prozess in Hamburg Berühmtheit erlangte.

Mit ihm und anhand mehrerer Nebenfiguren begeben wir uns in die unterste Unterschicht Hamburgs, in der als einzige Hoffnung ein weiterer Suff und damit verbunden vielleicht ein kurzer Moment von Glück geblieben sind. Gestrandet in der Absturzkneipe „Zum goldenen Handschuh“ begegnet hier Honka seinen Opfern und deren eigener vermurkster Existenz.

Parallel begibt sich Heinz Strunk mit seinem Roman auch in die höheren Etagen der Gesellschaft und zeichnet auch dort ein düsteres Bild der Menschheit.

 

Egal ob reich oder arm, an Menschlichkeit fehlt es überall.

Nichts für leichte Nerven. Es konfrontiert. Und genau deswegen ein unbedingtes Muss. JM

 

Neuerscheinung Jugendbuch

Ryan Graudin  „Walled City“


„Walled City“ von Ryan Graudin spielt in der Stadt Hak Nam, die voller Armut, Gewalt und Missbrauch ist. Dort kämpfen drei Jugendliche um ihr Überleben. Dai ist des Mordes angeklagt, ist jedoch unschuldig. Um dies zu beweisen, muss er das Notizbuch von Longwei klauen – dem berüchtigen Anführer der Bruderschaft des roten Drachen. Dazu braucht er Jin Ling, die als Junge verkleidet durch die Stadt streift, auf der Suche nach ihrer vom Vater an ein Bordell verkauften Schwester Mei Yee. Gemeinsam erledigen  Jin und Dai  für die Bruderschaft Aufträge und unterwandern sie so. Mei Yee sitzt währenddessen eingesperrt in ihrem Zimmer im Hauptquartier und weiß, es gibt eigentlich kein Entkommen. Doch ihr Zimmer hat im Gegensatz zu dem der anderen Zwangsprostituierten ein winziges, mit Gittern versehenes Fenster, an dem plötzlich der Kopf eines Jungen erscheint – Dai. Er verspricht, sie zu befreien, wenn sie ihm hilft, das Notizbuch zu stehlen. Doch dafür bleiben nur noch 18 Tage Zeit!

Es ist ein spannendes Buch, das mich sehr gefesselt hat und das ich einfach an einem Tag lesen musste. Es ist wie ein Countdown aufgebaut. Regelmäßig kommen Seiten, die die verbliebenen 18 Tage runterzählen. Das erhöht zum einen die Spannung, gliedert zum anderen das Buch übersichtlich. Ryan Graudin ist eine Autorin mit einem angenehmen, flüßig lesbaren Schreibstil, mit dem sie die Geschichte actionreich erzählt. Der Ort, in dem das Buch spielt, existierte wirklich unter dem Namen „Kowloon Walled City“. Jetzt ist er, genau wie später im Buch, ein Park in Hongkong.

 

Amelie B., 14 Jahre

 

Neue Sachbücher:

Andreas Rödder „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“
„21.0 ist ein historischer Crashkurs durch die Grundprobleme der Gegenwart: Wie sind sie entstanden und woher kommen sie? Was ist wirklich neu – und was sind die Muster, die wir aus der Geschichte kennen? Was sind die wichtigsten Entwicklungen der Gegenwart, und welche Richtungen zeichnen sich für die Zukunft ab?

Helmut Schmidt „Was ich noch sagen wollte“„Brauchen wir heute noch Vorbilder, und wenn ja, zu welchen Zielen sollen sie uns anleiten? Helmut Schmidt erzählt von Menschen, die ihn prägten und an deren Beispiel er sich bis heute orientirert.“

 

Werner Bätzing „Die Alpen“   

„Der bekannte Alpenforscher Werner Bätzing zieht Bilanz seiner über 35-jährigen Beschäftigung mit dem einzigartigen Natur- und Kulturraum der Alpen.“

 

 

Otfried Höffe „Kritik der Freiheit“

„Wie Höffe die Linien des modernen Freiheitsdenkens nachzeichnet und in eine zeitgemässe politische Ethik überführt, ist durchwegs beeindruckend.“

 

 

Christoph Nonn „Otto von Bismarck“

„Als Normalsterblichen nimmt ihn dieses Buch in den Blick und sucht nach dem Mann hinter den Legenden. Dabei wird deutlich, wie sehr dieser pragmatische Preuße ein Kind seiner Zeit war. So konsequent wie nie zuvort bettet Christopf Nonn den „Reichsgründer“ in die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts ein und konfrontiert ihn mit den Fragen unserer Zeit.“

 

 

Udo di Fabio „Schwankender Westen“

„Udo die Fabios Buch analysiert die Fundamente der westlichen Gesellschaft, zeigt deren Gefährdungen auf und plädiert für ein neues Gesellschaftsmodell. Untersucht werden die Auswirkungen, die instabile Finanzmärkte, die Griechenlandkrise oder der islamische Staat auf den Westen haben und Europa aus dem Tritt bringen.“

 

 

Rolf Lappert „Über den Winter“


Trotz der eher unterkühlten Kritik war dieses Buch doch mein persönlicher Favorit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015.

Zugegeben musste ich mich zwar durch die ersten 20 Seiten kämpfen, aber dies hat sich definitiv gelohnt und mir doch eines der besseren Letküre-Erlebnisse dieses Jahres beschert.

„Der fast 50-jährige Lennart Salm ist ein unsteter Charakter, ein erfolgreicher Aktionskünstler in der Öffentlichkeit und ein Verdränger vor dem Herrn im Privaten. Als seine älteste Schwester stirbt, kehrt er widerstrebend zurück in seine Heimatstadt Hamburg und trifft dort auf seine Familie, vor der er eigentlich geflohen war.“

Salm möchte dazugehören, sich irgendwie aus seiner selbstgewählten Isolation befreien, was ihm nicht wirklich zu gelingen scheint. Wir verfolgen Salm auf seinen Streifzügen durch seine Vergangenheit, beobachten ihn bei diversen Begegnungen, nehmen teil an seinen Gedanken und können uns nicht davor drücken, uns unsere eigenen dazu zu machen.

Angeblich ein Buch für die Kategorie „von Männern für Männer“, das nur so von Männlichkeit strotz.Stimmt nicht. Ein Buch für jedermann (Männer eingeschlossen:)  JM

 

Lena Andersson „Widerrechtliche Inbesitznahme“


Der aktuelle Roman von Lena Andersson „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt im sachlichen Stil, der leicht an eine Reportage erinnert und an den ich mich doch erst gewöhnen musste, von einer Frau, die einem Mann auf obsessive Weise verfällt.

Ester Nilson, Dichterin und Essayisten, bekommt den Auftrag einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask zu halten. Im Vornhinein schon von ihm als Künstler beeindruckt wird diese Bewunderung durch ein Zusammentreffen mit Hugo Rask nur verstärkt. Ein unverbindliches Verhältnis nimmt seinen Lauf, in der Ester von einer vernunftgeleiteten zu einer gefühlsgesteuerten Protagonistin mutiert. „Widerrechtliche Inbesitznahme“, so könnte man die Beziehung zwischen Hugo und Ester treffend beschreiben.

Immer wieder habe ich mich über die Wortwahl mancher Episoden enorm amüsiert und im Grunde die Lektüre sehr genossen.

In Ester brodelt als Folge ihrer irrationalen Liebesabhängigkeit ein innerlicher Kampf zwischen Vernunft und Emotionen. Dieser ist sehr gut nachvollziehbar dargestellt. Und doch konnte ich über Ester zusammen mit ihrem „Freundinnenchor“ manchmal nur den Kopf schütteln.  JM

 

Hans-Dieter Rutsch „Das preussische Arkadien – Schlesien und die Deutschen“


„Jahrzehntelang war Schlesien fast vergessen. Dabei inspirierte diese Landschaft Johann Wolfgang Goethe, Caspar David Friedrich, Karl Friedrich Schinkel, Theodor Fontane und unzählige andere Künstler und Dichter; die preußischen Könige bauten Schlösser im Hirschberger Tal, das Riesengebirge war ein Sehnsuchtsziel der ersten Wanderer. Hans-Dieter Rutsch erzählt die Geschichte dieses „preußischen Arkadiens“, spürt den Schicksalen nach, die sich damit verbinden, und schildert die Wiederentdeckung einer der reichsten Kulturlandschaften Europas“
Die Lektüre des Buches hat mich so fasziniert, dass ich meine Urlaubsplanung für dieses auf das nächste Jahr verschoben habe und dafür eine Schlesien-Reise vorgezogen habe.
Ich habe es nicht bereut und gleich auf meiner ersten Polenreise überhaupt einen europäischen Kulturraum mit seiner wechselhaften Geschichte kennengelernt. Neben der Metropole Breslau (Wroclaw), Kulturhauptstadt 2016, warteten mittlere und kleine Städte und Schlösser entdeckt zu werden.  JH

 

Kristine Bilkau „Die Glücklichen“


Eine junge Familie kurz nach der Geburt Ihres ersten Sohnes. Scheinbar haben Isabell und Georg alles, um glücklich zu sein. Ein gesichertes Leben, Gesundheit, Liebe, Erfolg…
Doch mit der Geburt von Matti wächst nicht nur das Glück, sondern auch die Verunsicherung: Für Isabell, Cellistin, erweist sich die Rückkehr in den Beruf schwieriger als gedacht. Bei Auftritten zittern Ihr die Hände, und damit hält auch die Angst Einzug in das junge Familienglück. Die berufliche Zukunft scheint unsicher und mit dieser werden auch existentielle Fragen aufgeworfen. Worauf kann und will man verzichten?
Was braucht man, um glücklich zu sein?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Romans und berühren damit ein Thema, mit dem sich jeder schon mal auf die eine oder andere Weise auseinandergesetzt hat. Mich hat dieser Roman definitiv zum Nachdenken angeregt. Eine große Hilfe war dabei, dass ich mich persönlich sehr gut in Isabell und ihre Ängste hineinversetzen konnte.
Für wen sind Zukunftsängste denn wirklich ein Fremdwort?
Ein wunderbarer Roman. Ein wunderbares Debüt, bei dem man gerne über kleine Längen hinwegsieht.   JM