Buchtipps

Carel van Schaik, Kai Michel „Das Tagebuch der Menschheit“

Analog zur Vertreibung aus dem Paradies trägt das erste Kapitel des Buches die Überschrift „Als das Leben schwierig wurde“. Das war vor ca. 12000 Jahren, als die Menschheit sesshaft wurde. Die Zeit des freien Sammelns und Jagens nahm zwangsläufig ein Ende, es begann die Mühsal der agrarischen Naturproduktion. Ackerbau und Viehzucht brachten die Erfindung des Eigentums als folgenreichste Konsequenz des Sesshaftwerdens mit sich. Aus dem, was für jeden Umherziehenden frei zugänglich war, entstand nun der Besitz, das Eigentum. Meins und deins und somit der Kampf um Erwerb und dessen Verteidigung. Die Autoren sehen dies als den eigentlichen Sündenfall.

Die Menschen mussten sich mühsam anpassen. Die Bibel dokumentiert auf verblüffende Weise wie Gewalt, Kampf, Krieg und Ausbeutung das Leben des Menschen prägten.

Sie zeigt aber auch, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb uns nicht schon immer die Angst vom Tod umtrieb.

Die beiden Autoren nehmen uns mit auf eine Reise voller Überraschungen, die von Eden bis nach Golgotha und zur Apokalypse führt. Dabei eröffnet sich eine neue Perspektive auf die kulturelle Evolution des Menschen und der Religion, die nicht zuletzt verständlich macht, warum wir instinktiv immer noch eine Sehnsucht nach dem Paradies verspüren.

Das überaus interessante und spannend geschriebene Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.  JH

 

 

Heinz Schilling „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“

In diesem Buch wird das Zeitalter der Reformation aus einem globalen Blickwinkel betrachtet.
Ausgangspunkt sind die großen Ereignisse von 1517, die die Welt dieser Zeit prägen. Man erstaunt, welche Ereignisvielfalt diese Zeit und besonders dieses Jahr zu bieten hat. Fremde Länder und Kontinente rücken dabei ins Licht, Machtkonstellationen und unterschiedliche Lebensverhältnisse werden berücksichtigt. Wir lernen den entstehenden Geld- und Warentransfer kennen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Menschen im 16. Jahrhundert trotz der Entdeckungen sowie der europäischen Expansionen noch weitgehend vom Rest der Welt getrennt lebten, so versteht man besonders die Bedeutung der Entwicklungen.
1517 in seiner Epoche des Umbruchs brachte weltweit entscheidende Veränderungen, neben den Religionen vor allem politische, klimatische und ökonomische, und somit große Verunsicherungen für die Menschen.
Mit diesem Buch hat Heinz Schilling, Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt Universität Berlin, ein fulminantes Buch im Reformationsjahr vorgelegt. Das Buch ist im renommierten C. H. Beck Verlag erschienen. Von dem gleichen Autor liegt auch die berühmte Luther-Biografie „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ bereits in der 3. Auflage vor.
Da im Werk globale Geschichtsereignisse weltweit dargestellt werden, lohnt es sich beim Lesen Putzgers Historischen Atlas parallel zur Kenntnis zu nehmen.

 

Christopf Ransmayr „Cox“

Der Versuch die die Zeit mit einer zeitlosen Uhr zu erfassen, ist das zentrale Thema des neuen Romans „Cox – oder der Lauf der Zeit“

Cox ist der berühmteste Uhren- und Automatenbauer seiner Zeit. Sein Ruf ist aus London an die Königshöfe Europas des 18. Jahrhunderts gelangt, in deren Auftrag er die perfektesten und kostbarsten Uhren und Präzisionswerke baut. Als Geschenke der Ostindiengesellschaft sind diese vollkommenen Kunstwerke bis zu Quionlong, dem allmächtigen Kaiser von China, gelangt.

Der Kaiser ein Liebhaber und Sammler von Uhren und anderen machanischen Meisterwerker schickt zwei Gesandte, um Cox mit seinen wichtigsten Mitarbeitern nach Peking in die Verbotene Stadt einzuladen.

So wie die Uhren von Cox ist dieser Roman von Ransmayr ein Meisterwerk an Schönheit der Sprache und Vergänglichkeit der Zeit.

Der größte Wunsch des Kaisers ist eine Uhr für die Ewigkeit.

Eines der schönsten Bücher dieses Jahres. JH

 

Christian Kracht „Die Toten“

Anhand von zwei Erzählsträngen führt uns Christian Kracht in seinem neuen Roman „Die Toten“ die Filmkultur der 30er Jahre vor Augen.

Erzählt wird einerseits die Geschichte von Emil Nägeli, einem schweizerischen Regisseur, der zur Festigung der deutsch-japanischen Verbindung einen deutschen Film in Japan drehen soll. Andererseits erfahren wir von Masahiko Amakasu, der in Japan ein Komplott gegen die internationale Allmacht des Hollywoodfilms vorbereitet.

Im Vordergrund der beiden Schauplätze Berlin und Japan treffen wir auf historische Personen, wie Charlie Chaplin, Sigfried Kracauer und Lotte Eisner.

Dass der Roman sich nur schemenhaft an wirkliche Begebenheiten hält, tut dem Buch keinen Abbruch, da er einen doch dazu inspiriert, sich den einen oder anderen Film der 30er Jahre wieder anzuschauen und sich auch näher mit den realen Persönlichkeiten wie Kracauer auseinander zu setzen.

Ein empfehlenswerter Roman, nicht nur aufgrund seiner wirklich schönen Sprache.

 

Don DeLillo „Null K“

Der 1936 in  New York geborene Autor nimmt sich so wie in seinen früheren Büchern – vor allem „Unterwelt“, „Amerikana“, sowie „Bluthunde“ – auch in seinem neuen Buch aktuellen, zeitgeschichtlichen Themen an, die er sprachlich hervorragend konstruiert.

Der über sechzig jährige als Großinvestor agierende Ross Lockhart engagiert sich in einem Unternehmen, das den Tod ausschalten will.

Das Projekt besteht vor allem darin, dass sich derzeit unheilbar Kranke einfrieren lassen und erst dann wieder zum Leben erweckt werden, wenn die Technik der Medizin soweit ist, die Krankheit zu heilen.

Artis Martineau, die erheblich jüngere Frau von Ross Lochart, ist geradezu prädestiniert für dieses Projekt. Ross Sohn, der anreist, um von seiner Stiefmutter Abschied zu nehmen, ist der Ansicht, dass der Mensch im Hier und Jetzt lebt und somit sein Schicksal vorgegeben ist.

Ross selbst verteidigt die mit seiner Frau gemeinsam getroffene Entscheidung mit der Begründung, dass es den Menschen gerade auszeichnet, Einfluss auf sein Schicksal nehmen zu können.

De Lillos Bücher umkreisen alle Themen – besondere Lebensformen sowie Verlust und Tod. Seine Bücher sind dabei in keiner Weise trist, sondern zeichnen sich durch besondere Vitalität aus. Dazu kommt die Eleganz und Schönheit der Sprache, weswegen Don Delillo seit Jahren als Nobelpreisträger gehandelt wird. JH

 

Martin Mosebach „Mogador“

Mogador – die alte Bezeichnung der berühmten marokkanischen Küstenstadt „Essaouira“ ist der Titel des neuen Romans des mit vielen Literaturpreisen ausgezeichneten Autors Martin Mosebach.

Die Geschichte beginnt in einem Hammam, in dem sich der junge Investmentbanker und Finanzjongleur im doppelten Sinne zu läuten versucht.

Persönlich aus kleinen Verhältnissen stammend hat Patrick Elff die aus großbürgerlicher Familie stammende Pilar geheiratet. Als unabhängige Immobilienmaklerin arbeitet sie ohne Erfolgsdruck ihren Zielen entgegen.

Patrick als promovierter Philologe ist über Umwege zum Unternehmensberater einer renommierten Düsseldorfer Bank geworden und hat sich dort zielstrebig ins mittlere Management hochgearbeitet.

Sein wichtigster Kunde ist der international agierende marokkanische Geschäftsmann Pereira, der ihn bei einem Essen in einem exklusiven Pariser Restaurant derart beeindruckt, dass er für ihn die Abwicklung eines „Geschäfts“ mit der Ukraine übernimmt. Obwohl es Patrick bei genauerem Hinsehen klar sein muss, dass hier Korruption im Spiel ist, lässt er sich vom Charisma seines Auftraggebers Pereira so beeindrucken, dass er wie schlafwandlerisch die gewünschten Transaktionen ausführt. Nachdem ein etwas unangenehmer Untergebener Patricks erhängt aufgefunden wird, bei dem Buchungen auftauchen, die weit über seine Zuständigkeiten hinausgehen, beginnt sich nicht nur die Presse sondern auch die Polizei für die Angelegenheit zu interessieren. Bei einem Pressegespräch ergreift Patrick Panik, er springt aus dem Fenster, besteigt ein Taxi, lässt sich nach Brüssel zum Flughafen chauffieren und fliegt von Zaventem nach Marrokko. Er begibt sich nach Mogador, da auch sein großer Auftraggeber Pereira aus Mogador stammt, wo er gelegentlich in seinem eigenen Luxushotel residiert. Mosebachs Schilderungen der für Patrick völlig fremden Welt fasziniert durch ihre sprachliche Exaktheit.

Wer diesen neuen Roman Mosebachs beginnt, wird so fasziniert sein, dass er die spannungsgeladene Geschichte geradezu aufsaugen wird.

 

Juli Zeh „Unterleuten“


Nach ihrem Debütroman „Adler und Engel“, erschienen 2001, mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und ein Welterfolg, legt die 1974 in Bonn geborene, derzeit in Brandenburg lebende Autorin, einen brillant geschriebenen Gesellschaftsroman vor.

Aus unterschiedlichen Beweggründen treffen der Großstadt überdrüssige Städter im  ca 100 km von Berlin entfernten Ort „Unterleuten“ auf die alteingesessene Bevölkerung,  die sich seit ewig kennen und in Freund- und Feindschaft miteinander verbunden sind. In diesem Mikrokosmos leben starke Charaktere, wie Kron, Altkommunist und Wendeverlierer, der gegen die Ungerechtigkeit der neuen Zeit Stellung bezieht und die alten LPG-ler hinter sich weiß. Sein historischer Gegenspieler Gombrowski stammt aus der Familie der alten Großgrundbesitzer des Ortes, der wie die Kleinbauern ebenfalls in die LPG gezwungen wurde und seinen Familienbesitz nach der Wende zurückerhält und mit seinem Betrieb der größte Arbeitgeber im Ort ist. Aber auch die Neubürger haben ganz unterschiedliche Interessen, vom Leiter des Vogelschutzbundes Gerhard Fließ bis zur Pferdeflüsterin Linda Franzen. Mit der Planung eines Windparks trifft die Energiewende auf Unterleuten. Handfeste materielle Interessen treffen nun zusätzlich auf die unterschiedlichen Personen und Gruppen. Juli Zeh kann bescheinigt werden einen hervorragenden, äußerst spannenden und unterhaltsamen, in weiten Strecken auch humorvollen Roman geschrieben zu haben. Trotz der 600 Seiten, eine sehr kurzweilige Lektüre.  JH

 

Paul Mason „Postkapitalismus „


Paul Mason vertritt in seinem Buch „Postkapitalismus -Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ die These: Wir stehen vor etwas Neuem. Wir haben unsere Welt durch Unterlassung und hinhaltendem Verhalten in vor allem drei  Kernbereichen, dem Klima, der Demographie und den Finanzen, in eine Situation gebracht, die das Risiko schwerer Erschütterungen in sich birgt. Es sieht so aus als würden sich die Folgen dieser drei sich gegenseitig noch verstärkenden Hauptprobleme auf Grund der Grenzen der menschlichen Willenskraft noch dramatisch verschärfen. Der Druck auf Veränderungen wird in den kommenden Jahrzehnten so zunehmen, dass sich zwangsläufig entscheidende Veränderungen einstellen werden. Wenn wir Einfluss auf die Gestaltung nehmen wollen, müssen wir Position beziehen.
Dieses Buch stellt themenübergreifend viele Fakten dar, welche dringend notwendige Diskussionen auslösen werden. JH

 

Irmgard Keun „Kind aller Länder“


Eine interessante Wiederentdeckung  und kurzweilig zu lesen ist der 1938 in Amsterdam erschienene Exilroman „ Kind aller Länder“ von Irmgard Keun . Nach der Lektüre von  Volker Weidermanns kenntnisreichen  Buch „Ostende 1936. Sommer einer Freundschaft“  ist unschwer der autobiographische Bezug  in diesem Roman zu erkennen. Kully, ein kleines aufgewecktes Mädchen,  erzählt vom rast-und ruhelosen,  aufregenden  Leben ihrer  Familie im Exil.  Der  Vater , ein bekannter Schriftsteller und Journalist, muss Deutschland verlassen , seine Bücher  sind dort verboten , zusammen mit Frau  und Kind reist er quer durch Europa bis nach Amerika,  immer  auf der Suche nach neuen Geldgebern  und Sponsoren für seine Buchprojekte, immer in der Sorge um Visa und gültige Ausweisdokumente . Sobald  das  Geld aufgetrieben, ist  es  verschwenderisch  wieder ausgegeben. Frau und Kind bleiben oft mittellos  „als Pfand“ in den Hotels von Brüssel , Ostende, Amsterdam usw. zurück , die Gläubiger vertröstend,  und auf den Vater wartend .Kully ist oft auf sich  allein gestellt und so erkundet sie mit kindlicher Neugier und Unbefangenheit  ihre Umwelt  und versucht sie sich zu erklären und zu deuten, daraus entsteht ein bewegendes Zeitdokument mit beklemmend aktuellen Bezügen.SH

 

Heinz Strunk „Der goldene Handschuh“


Was soll ich sagen? Ich konnte und wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Nicht unbedingt weil eine Identifikation mit dem Hauptcharakter stattfindet – ganz sicher nicht – aber gerade weil es stellenweise so  befremdlich ist. Heinz Strunk nimmt einen mit in Gesellschaftsschichten und Persönlichkeitsmuster, die einem weniger vertraut sind, und gerade hier liegt die Faszination des Buches.

 

Erzählt wird die Geschichte von Fritz Honka, Stammkunde des „Goldenen Handschuhs“, Alkoholiker, Sexualtriebtäter und Mörder, der in den 70er Jahren durch einen spektakulären Prozess in Hamburg Berühmtheit erlangte.

Mit ihm und anhand mehrerer Nebenfiguren begeben wir uns in die unterste Unterschicht Hamburgs, in der als einzige Hoffnung ein weiterer Suff und damit verbunden vielleicht ein kurzer Moment von Glück geblieben sind. Gestrandet in der Absturzkneipe „Zum goldenen Handschuh“ begegnet hier Honka seinen Opfern und deren eigener vermurkster Existenz.

Parallel begibt sich Heinz Strunk mit seinem Roman auch in die höheren Etagen der Gesellschaft und zeichnet auch dort ein düsteres Bild der Menschheit.

 

Egal ob reich oder arm, an Menschlichkeit fehlt es überall.

Nichts für leichte Nerven. Es konfrontiert. Und genau deswegen ein unbedingtes Muss. JM