Buchtipps

Lena Andersson „Widerrechtliche Inbesitznahme“


Der aktuelle Roman von Lena Andersson „Widerrechtliche Inbesitznahme“ erzählt im sachlichen Stil, der leicht an eine Reportage erinnert und an den ich mich doch erst gewöhnen musste, von einer Frau, die einem Mann auf obsessive Weise verfällt.

Ester Nilson, Dichterin und Essayisten, bekommt den Auftrag einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask zu halten. Im Vornhinein schon von ihm als Künstler beeindruckt wird diese Bewunderung durch ein Zusammentreffen mit Hugo Rask nur verstärkt. Ein unverbindliches Verhältnis nimmt seinen Lauf, in der Ester von einer vernunftgeleiteten zu einer gefühlsgesteuerten Protagonistin mutiert. „Widerrechtliche Inbesitznahme“, so könnte man die Beziehung zwischen Hugo und Ester treffend beschreiben.

Immer wieder habe ich mich über die Wortwahl mancher Episoden enorm amüsiert und im Grunde die Lektüre sehr genossen.

In Ester brodelt als Folge ihrer irrationalen Liebesabhängigkeit ein innerlicher Kampf zwischen Vernunft und Emotionen. Dieser ist sehr gut nachvollziehbar dargestellt. Und doch konnte ich über Ester zusammen mit ihrem „Freundinnenchor“ manchmal nur den Kopf schütteln.  JM

 

Hans-Dieter Rutsch „Das preussische Arkadien – Schlesien und die Deutschen“


„Jahrzehntelang war Schlesien fast vergessen. Dabei inspirierte diese Landschaft Johann Wolfgang Goethe, Caspar David Friedrich, Karl Friedrich Schinkel, Theodor Fontane und unzählige andere Künstler und Dichter; die preußischen Könige bauten Schlösser im Hirschberger Tal, das Riesengebirge war ein Sehnsuchtsziel der ersten Wanderer. Hans-Dieter Rutsch erzählt die Geschichte dieses „preußischen Arkadiens“, spürt den Schicksalen nach, die sich damit verbinden, und schildert die Wiederentdeckung einer der reichsten Kulturlandschaften Europas“
Die Lektüre des Buches hat mich so fasziniert, dass ich meine Urlaubsplanung für dieses auf das nächste Jahr verschoben habe und dafür eine Schlesien-Reise vorgezogen habe.
Ich habe es nicht bereut und gleich auf meiner ersten Polenreise überhaupt einen europäischen Kulturraum mit seiner wechselhaften Geschichte kennengelernt. Neben der Metropole Breslau (Wroclaw), Kulturhauptstadt 2016, warteten mittlere und kleine Städte und Schlösser entdeckt zu werden.  JH

 

Kristine Bilkau „Die Glücklichen“


Eine junge Familie kurz nach der Geburt Ihres ersten Sohnes. Scheinbar haben Isabell und Georg alles, um glücklich zu sein. Ein gesichertes Leben, Gesundheit, Liebe, Erfolg…
Doch mit der Geburt von Matti wächst nicht nur das Glück, sondern auch die Verunsicherung: Für Isabell, Cellistin, erweist sich die Rückkehr in den Beruf schwieriger als gedacht. Bei Auftritten zittern Ihr die Hände, und damit hält auch die Angst Einzug in das junge Familienglück. Die berufliche Zukunft scheint unsicher und mit dieser werden auch existentielle Fragen aufgeworfen. Worauf kann und will man verzichten?
Was braucht man, um glücklich zu sein?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Romans und berühren damit ein Thema, mit dem sich jeder schon mal auf die eine oder andere Weise auseinandergesetzt hat. Mich hat dieser Roman definitiv zum Nachdenken angeregt. Eine große Hilfe war dabei, dass ich mich persönlich sehr gut in Isabell und ihre Ängste hineinversetzen konnte.
Für wen sind Zukunftsängste denn wirklich ein Fremdwort?
Ein wunderbarer Roman. Ein wunderbares Debüt, bei dem man gerne über kleine Längen hinwegsieht.   JM

 

Doerte Hansen „Altes Land“


Vertrieben aus Ostpreußen verschlägt es  Hildegard von Kamicke mit  ihrer kleinen Tochter Vera auf den Hof von Ida Eckhoff im „Alten Land“.

Als Flüchtlinge nicht willkommen  kämpft sie ohne Demut  um einen Platz für sich und ihre Tochter in der Fremde, heiratet den aus dem Krieg heimgekehrten Sohn des Hofes. Schon bald flüchtet sie allein nach Hamburg und lässt Ihre Tochter bei dem kriegstraumatisierten Karl zurück. Vera fühlt sich dem angetretenen Erbe in der neuen Heimat verpflichtet, ohne je richtig heimisch zu werden und führt ein einsames Leben, bis ihre Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn auftaucht.  Sie ist auf eine andere Art  ebenfalls Flüchtling und  heimatlos. Eine warmherzig erzählte Familiengeschichte mit viel Witz und Tiefgang, für die ich zugegeben einen zweiten Anlauf benötigte, aber die mich dann umso mehr gefesselt und beindruckt hat.   SH

 

Karin Tuil „Die Gierigen“


Was sich auf dem Klappentext zunächst recht trivial anliest: Zwei Männer, eine Frau, eine leidenschaftliche „menage à trois“  …war für mich ein sehr spannender zeitgenössischer Roman aus Frankreich mit vielen aktuell relevanten Themen.

Ich habe  den Werdegang der 3 Protagonisten, deren Lebensentwürfe, Ideale  und was davon nach 20 Jahren übrig bleibt, gespannt verfolgt. Ein Geschichte des Scheiterns  in unserer heutigen Gesellschaft,  aber dieses Scheitern, so hofft man am Ende, birgt auch einen Neuanfang.
Achtung, ein  Roman mit Sogwirkung, ich konnte in fortgeschrittenem Lektürestadium, das Buch nicht mehr weglegen.  SH

 

Martin Winter „Das Ende einer Illusion“


Um es gleich vorweg zu sagen: Martin Winter ist überzeugter Europäer, gerade deshalb liegt ihm viel daran das Erreichte zu konsolidieren. Was Europa in der Zukunft sein wird, hängt von seinen Bürgern und den Mitgliedsstaaten ab. Die Probleme einer Wirtschaft- und Währungsunion, durch die Verschiebung völlig unterschiedlicher Volkswirtschaften in einen Währungsraum, waren für Ökonomen absehbar, von der Politik teilweise bewusst unterschätzt.

Das Buch aufgeteilt in 12 Themenfeldern legt die Bereiche sehr kenntnisreich dar und bietet Lösungen an. Martin Winter ist als langjähriger Brüssel-Korrespondent mit allen wichtigen Akteuren im ständigen Dialog und wie diese der Meinung, dass wir uns aus dem ständigen Krisenlabyrinth lösen müssen.

In seiner proeuropäischen  Analyse kommt der Autor zu dem Schluss, dass wir das Bestehende bewahren und uns an die eigenen Vorgaben halten müssen. Auch in der Eurokrise rät Winter zur Besonnenheit, auf den europäischen Idealismus muss ein gesunder Realismus folgen.   JH

 

Reiner Stach „Kafka – Die fruehen Jahre“


Nach den überaus gefeierten ersten zwei Bänden seiner Kafka-Biographie, schließt Reiner Stach sein großes Werk nun mit Kafkas Kindheit und Jugend, Studium und den ersten Berufsjahren ab.
Die Entfaltung von Kafkas Sprachtalent, seine Bildungserlebnisse, die Reifung seiner Sexualität und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit den neuen Entwicklungen sind die entscheidenden Eckpfeiler. Schon jetzt genießt diese nun vollständige Biographie den Ruf eines internationalen Standardwerks. Darüber hinaus wird ein facettenreiches, erzählerisch dichtes und farbiges Panorama Prags / Böhmens als Teil Habsburgs geboten. Der Leser erlebt eine brillante Darstellung des Zusammenlebens dreier Kulturen in dieser europäischen Geschichtsperiode.
Dieses Werk wurde zu Recht mit dem Hermito-von-Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet.   JH

 

Kinderbücher

Sigrid Zeevaert
„Annabel und Anton“


ab 7 Jahren
Annabel ist wütend. So wütend, wie noch nie. Die ganze Welt ist gegen sie. Nichts darf man. Nicht zu laut sein, nicht die kleinen Brüder ärgern, nicht das tun, was man möchte…
Weglaufen. Ganz weit weg. Bis nach Afrika. Das scheint ein guter Plan zu sein. Aber auch der neue Nachbarsjunge, Anton,  erweist sich als gar nicht so schlechte Alternative zum Weglaufen.
Zu zweit, anstatt alleine ist manchmal schon genug.
Der neue Roman von Sigrid Zeevaert ist wirklich ein herzerwärmendes Buch über Freundschaft und die Innenwelt von Anton und Annabel. Ich konnte mich wunderbar in die Gedankenwelt der beiden hineinversetzen. Und dass es dort natürlich sehr lebendig zugeht und Zorn, Freude, Neugier manchmal ganz nah beieinander liegen, erklärt sich von selbst. Oft musste ich selber schmunzeln, wenn ich an meine eigenen Kindheitstage und verborgenen Gedanken zurückdachte.
Ein tolles Buch zum Vorlesen und auch zum ersten Selberlesen.  JM


Pija Lindenbaum
„Kommst du spielen, Frieda?“


ab 4 Jahren
Ein wirklich kindgerechtes Buch für die Kleinen. Im einfachen Ton und mit viel Witz erzählt Pija Lindenbaum von den Eigenarten zweier kleiner Mädchen, die am Anfang auch wirklich gar nichts gemeinsam zu haben scheinen.
Die Illustrationen haben mich persönlich besonders angesprochen, da sie die Geschichte auf wirklich eindrückliche Weise verbildlichen. Durch das Zusammenspiel von Text und Bild konnte ich mir einen guten Einblick in die emotionale Welt der zwei kleinen Mädchen verschaffen.  Ein schönes Kinderbuch ohne banal zu sein.   JM