Buchtipps

Wo vielleicht das Leben wartet

Aufbau Verlag 2022
Hardcover
591 Seiten

Hungernde, kranke Menschen wo man auch hinsieht. Im Wolgagebiet herrscht 1923 eine unvorstellbare Hungersnot. Es fehlt an allem: Nahrung, Kleidung, Medikamente, Brennmaterial. Möchte man so ein Buch überhaupt lesen oder gar zu Weihnachten empfehlen? Schon nach den ersten Seiten, zieht das Buch einen in seinen Bann. Die Autorin schafft es mit ihrer bildhaften Sprache, die an russische Märchen erinnert, dem Leser ein Dunkles Kapitel der Sowjetunion Nahe zu bringen. Der ehemalige Soldat Dejew erhält den Auftrag 500 elternlose Kinder zu retten, indem er sie mit einem Zug von Kasan ins wärmere Samarkan bringt. Wird er es schaffen?

Gusel Jachina schafft es das Unerträgliche so zu schildern, dass es wie bei einem Märchen mit fiebert. Es ist bei allem optimistisch, die Figuren wachsen einem sofort ans Herz und es ist vor allem zutiefst human. Ein Buch über die Hoffnung, Liebe und was das Leben ausmacht. Daher eine klare Leseempfehlung. Gerade zu Weihnachten.

 

Sergio del Molino, Leeres Spanien

Wagenbach Verlag 2022
fester Einband
301 Seiten

Spanien war diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse und präsentierte sich mit vielen entdeckenswerten Büchern. Eines davon ist „Leeres Spanien“ von Sergio Del Molino. Ländliche Gegenden auf der Iberischen Halbinsel waren noch nie dicht besiedelt. Die Landflucht in die Kolonien hielt 500 Jahre an und hat seine Spuren hinterlassen. Dazu kam im Rahmen einer rücksichtslosen Industrialisierung unter Franco zwischen 1950-1970 geradezu ein Exodus. Rund 75% der Spanier leben in den wenigen Großstädten vor allem in Madrid sowie an den Küsten. Die übrigen Gebiete sind nur sporadisch, jedoch meist nahezu unbewohnt. Molino zeichnet diese Entwicklung nach, dies ist jedoch erst der Anfang seines Buches. Ihn interessieren die kulturellen Folgen der Landflucht. Er schaut darauf, wie die Migranten die Traditionen aus ihren Regionen in die Ballungsräume mitbrachten und diese veränderten. Das Buch wurde nicht nur zu einem Bestseller, sondern entfaltete eine ungeahnte Wirkung über Spanien hinaus. Es liegt mehr daran, daß es keine Lektüre nur für Spezialisten und Einheimische ist. Es ist eine alternative Gebrauchsanweisung und gehört ins Gepäck jedes Spanienreisenden und Liebhabers.

 

Philipp Blom, Die Unterwerfung

Hanser Verlag 2022
Fester Einband
363 Seiten

„Macht euch die Erde untertan!“ so steht es in der Bibel. Die Menschheit glaubt mit diesem Aufruf das Universalrecht der Ausbeutung unseres Planeten rechtfertigen zu können. Beherrschen statt Behüten; wer sich diesem Ausspruch widersetzt bekam es mit Kolonisatoren und Geschäftemachern zu tun. Die Bauern wussten und wissen zu viel über die Natur, um sie sich einfach zu unterwerfen, auch wenn auch sie heute in den Zwängen der Industriegesellschaft stecken. Philipp Blom beschreibt in seinem zu rechten Zeit erschienenen Buch den Anfang und das Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur. Das Buch ist mit sehr anschaulichen Abbildungen, Karten und Statistiken versehen.

Ebenso lesenswerte Werke des Autoren: Die italienische Reise / Die Welt aus den Angeln / Der taumelnde Kontinent / Die zerissenen Jahre / Böse Philosophen /Was auf dem Spiel steht.

 

Alex Capus: Susanna

Hanser Verlag 2022
Fester Einband
285 Seiten

Alex Capus neuer Roman handelt von der Malerin und Bürgerrechtlerin Susanna (Caroline Welden) aus Basel, die sich als erwachsene Frau mit ihrem Sohn auf den Weg macht, „Sitting Bull“ zu helfen.

Capus schafft es auf mit seiner schönen und doch distanzierten Sprache, dass man als Leser langsam abtaucht ins 19. Jahrhundert. Man belauscht Gespräche in Kneipen über die Revolution, begleitet die beiden mit der Dampflock durch öde Landschaft des Wilden Westens, trifft auf heruntergekommene Hotels und eine Männerwelt, der sich Susanna mutig entgegenstellt und bestaunt die Eröffnung der Brooklyn Bridge und den Einzug der ersten Glühbirnen in den Städten. Eine faszinierende Geschichte einer mutigen Frau inmitten geschichtlicher Umbrüche.

 

Norris von Schirach : Beutezeit

Penguin Verlag 2022
Fester Einband
352 Seiten

Die sich auflösende Sowjetunion zeigt sich gesellschaftlich wie ökonomisch in einer äußerst dynamischen Veränderung. Anton glaubt sich dank seiner kaufmännischen Ausbildung in London sowie jahrelanger Erfahrungen im Russland der Jelzin Ära für eine neue Herausforderung in einem der Folgestaaten Zentralasiens geeignet. „Raubtierkapitalismus im Wilden Osten“ – so könnte man Antons Erlebnisse in einem Satz beschreiben. Kasachstan- Anarchie und Korruption sind in dieser Wirtschaftswelt ohne Regeln und Gesetze die Normalität. Informativ, unterhaltsam und spannend ist dieses sehr gut geschriebene Buch mehr als ein lesenswerter Wirtschaftskrimi. „Wir konnten nur scheitern “ philosophiert Anton am Ende einer schweren Krise. Dieses Scheitern ist allerdings so grandios wie eine Wagner Oper , die der Musikfreund Anton , so sehr liebt. Anton will so gut wie möglich sauber bleiben, was nicht nur von seinen Partnern und Mitarbeitern, sondern auch von den schönen Frauen in seiner Umgebung als verrückte Marotte belächelt wird.

 

Niall Ferguson, DOOM

DVA Verlag 2021
Fester Einband
592 Seiten

In der Geschichte der Menschheit sind Apokalypsen, Katastrophen und Weltuntergänge eine nicht enden wollende Konstante. Untergangsvisionen finden wir in allen Weltreligionen und Mythologien.

Katastrophen treten in sehr unterschiedlichen Formen auf und erzeugen oft Kettenreaktionen, die dann noch in gesteigerter Form auftreten. Pandemien und Kriege sind es, die der Menschheit in der Geschichte am meisten zu schaffen gemacht haben. Hungersnöte sind oft Folgen von Kriegen, Unterernährung führt wiederum zu Seuchen und Pandemien. Seuche entstanden auch in der Vergangenheit oft in Asien, verbreiteten sich von dort in der ganzen Welt aus, wobei die westlichen Länder oft schlecht vorbereitet waren und als Folge stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wir können nicht wissen, wie die nächste Katastrophe aussehen wird. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, unsere politischen Systeme widerstandsfähiger zu machen. Wer im Namen der öffentlichen Sicherheit einen neuen Totalitarismus der allgegenwärtigen Überwachung akzeptiert, der macht sich nicht klar, dass einige der schlimmsten in diesem Buch beschriebenen Katastrophen von totalitären Regimen verursacht wurden.

Die fast 600 Seiten des Wirtschaftswissenschaftlers und Historikers sind sehr gut gegliedert und mit Hintergrundwissen und Fakten dokumentiert.

Originaltitel: Doom: The Politics of Catastrophe / Hardcover mit Schutzumschlag, 592 Seiten/ ISBN: 978-3-421-04885-1 / Erschienen am  13. September 2021

 

Safranski, Einzeln sein

Einzeln sein
Hanser Verlag 2021
Fester Einband
288 Seiten

Über die Besinnung und Reflektion, über das „Einzeln sein“, das eigene Ich haben sich bereits die griechischen Philosophen Gedanken gemacht. Im Mittelalter ist der Einzelne in dem Konstrukt der sozialen und religiösen Gemeinschaft aufgegangen. Für Safranski beginnt die Erforschung des „Einzeln sein“ mit der Renaissance über die Aufklärung bis zu den Individualisten und Existenzialisten.

Die Liste der großen „Einzelnen“ ist lang von De Montaigne über philosophische und literarische Genies, wie Rousseau, Diderot, Stendhal, Kierkegaard, zur Naturphilosophie von Emerson und Thoreau. Stefan George, der sich als Träger seiner auf sich fixierten Kunstreligion verstand. Karl Jaspers, dem es um die Philosophie der Existenz ging und Heidegger sowohl bewunderte als auch entschieden ablehnte.

Die große Kenntnis Rüdiger Safranskis über Heidegger und somit auch Hannah Arendt merkt man an den Kapitel 13 und 14 deutlich an. Dies trifft auch für die brillant geschriebene Darstellungen über Jean-Paul Sartre bis Ernst Jünger zu.

Das „Einzeln sein“ ist eine Zeiterscheinung unserer Gesellschaft geworden. Allein in Deutschland existieren 18 Millionen Einzelhaushalte. In anderen Ländern der westlichen Welt ist es ähnlich, fast jeder Vierte lebt allein. Was macht das Alleinsein mit uns? Rüdiger Safranski beleuchtet dieses Beispiel Thema anhand von Beispielen des Wirkens großer Persönlichkeiten.

Ein äußerst lesenswertes Buch, das im renommierten Hanser Verlag erschienen ist.

 

Herfried Münkler, Marx Wagner Nietzsche. Welt im Umbruch

Rowohlt Verlag 2021
Fester Einband
720 Seiten

Herfried Münkler gerade erschienenes neues Buch handelt von den drei  großen Deutschen des 19. Jahrhunderts Wagner, Marx und Nietzsche. Deren Schaffen zeigte in der ganzen Welt Wirkung. Alle drei hatten mit Krankheiten zu kämpfen, die starken Einfluss auf Ihr Werk hatten. Der ständig verschwenderische Wagner teilte mit dem fast permanent überschuldeten Marx die revolutionären Bestrebungen. Wobei Wagner auf praktische Erfahrungen im Straßenkampf  in Dresden verweisen konnte, während Marx die gesellschaftliche Veränderung wissenschaftlich analysierend  untersuchte.  Wagner sah die Opern Musik nicht nur zur Unterhaltung bestimmt, sondern schaute von der Bühne ins  Publikum mit dem Ziel dieses aus dessen unaufmerksamen Zerstreuung zur konzentrierten Aufmerksamkeit führen zu können.Das äußerst beachtliche Arbeitspensum Wagners war verknüpft mit gerade perfektionistischer Selbstvermarktung. In Ludwig II. , König von Bayern,   hatte er die ideale Geldquelle für seine Projekte gefunden. Nietzsche verachtete Bürger und Bürgerlichkeit noch mehr und grundsätzlicher als Marx und Wagner. Wobei letzterer sich immer mehr mit der Bourgeoisie arrangierte. Gleich im ersten Kapitel gelingt es Münkler teilweise Nähe, Distanz, aber auch Abneigung der drei untereinander darzustellen Der im 19.Jahrhundert allgemein grassierende Antisemitismus war bei allen dreien, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten  vorhanden. Wirkliche Nähe, ja sogar Freundschaft verband Nietzsche  und Wagner und er  war dessen erster „Versteher“. Alle drei  befassen sich mit Goethe, Hegel, Feuerbach und Heine. Letzterer wird von Nietzsche bewundert, Marx und Wagner treffen ihn persönlich in Paris. Nietzsche war, was für einen Philosophen keineswegs selbstverständlich ist, daran interessiert seine Überlegungen in einem möglichst für alle verständlichem, geradezu literarischen Sprache zu präsentieren. Das Marxsche Werk fußt auf der Verarbeitung und Analyse des Scheitern der  Revolution von 1848 und was dieses für ihn bedeutete. Erstaunlicherweise haben laut Münkler Marx und Nietzsche kaum voneinander Notiz genommen. Dieses kenntnisreiche Buch hat Münkler sich zu seinem 70.Geburtstag selbst als Geschenk gemacht. Sehr zu empfehlen für anspruchsvolle Leser.

 

Martin Mosebach , Krass

Rowohlt Verlag 2021
Fester Einband
528 Seiten

Von den Gegenständen, mit denen der offensichtlich überaus erfolgreiche Geschäftsmann Krass seine Handelstätigkeit betreibt, erfährt der Leser nur am Rande. Die Gewinnspannen müssen enorm sein, dies ermöglicht Krass, die Menschen die er um sich schart, während einer gemein-samen Reise in den Golf von Neapel aufs feinste  zu verwöhnen. Geld spielt keine Rolle, es wird in einem Spezialkoffer von seinem Sekretär in bar mitgeführt. Krass benötigt auch keine Rechnungen, er weiß  was alles kostet. Das Geld fasst er persönlich niemals an, dass muss für ihn der mehr-sprachige Dr.Jüngel erledigen. Ein dienst-barer, unterwürfiger Sekretär und Organisator der Reise. Und da ist da auch noch Lidewine eine schöne und lebenslustige Belgierin, die zunächst als Assistentin eines Zauberers  auftritt, dessen Vorstellung von der illustren Reisegesellschaft besucht wird. Krass, von der Ausstrahlung dieser jungen Frau fasziniert ,  beauftragt Dr. Jüngel sie unter Vertrag zu nehmen , mit genauen Vorgaben , um ihm Gesellschaft zu leisten.  Nicht an einem sexuellen Verhältnis ist er interessiert, sondern allein mit  ihrer jugend-lichen Schönheit und ihrem selbstbewussten Auftreten möchte er sich umgeben. Lidewine wird aus dem Geldkoffer großzügig bis zur exquisiten Perlenkette ausgestattet.  Ein amouröses Abenteuer der jungen Frau führt zum Vertragsbruch, Krass entlässt sie sofort aus seinen Diensten.  Die Gesellschaft zerfällt daraufhin und somit gibt es auch für Jüngel nichts mehr zu tun. Bezahlt wurde Jüngel für seine organisatorischen Diensten eigentlich nicht, was ihm erst im Nachhinein bewusst wird , so steht er wie andere Personen im Banne dieses Machtmenschen.  Beim Trennungs-gespräch gibt Krass noch Jüngel den Rat „Versuchen Sie allein durchzu-kommen, ohne Kredit, ohne Partner, vertrauen Sie nur auf sich selbst.“ Jüngel  fällt buchstäblich ins Leere , neben der Geldnot  ist noch das Scheitern seiner Ehe hinzugekommen. Er zieht sich in ein Landhaus von Freunden im französischen Zentralmassiv zurück.  Die Schilderung dieses Jahres  der Selbstfindung Jüngels bildet den 2.Teil des Buches.
Im 3.Teil , 20 Jahre später , hat es  Dr. Jüngel , inzwischen Professor für Urbanistik , beruflich nach Kairo verschlagen . Der Zenit von Krass ist lange überschritten , geschäftliche Pleiten haben ihn einsam werden lassen.

Bücher dieses mit dem Büchnerpreis ausgezeichneten Sprachkünstlers sind spannend und sachkundig, immer wieder ein Lesegenuss.

 

Gerhard Schweizer, Mit offenem Blick

Klett-Cotta Verlag 2020
Fester Einband
319 Seiten

Das neue Buch von Gerhard Schweizer beginnt wie ein Reisebericht seiner ersten großen Reise 1964, vom Ruhrgebiet bis zunächst Istanbul mit dem „Gastarbeiterzug“. Als Schweizer zusteigt ist das Zugabteil bereits mit 5 heimkehrenden Türken besetzt. Seinen reservierten Platz muss er sich erkämpfen. Zunächst herrscht grimmige Stimmung, die sich bereits einige Stunden später beim gemeinsamen Essen des Proviants der Türken aufgelöst hat. Die geführten Gespräche drehen sich über das Reisen aus unterschiedlichen Gründen. Nur Reisen von und zur Arbeit oder zur Familie oder Verwandten finden Anerkennung, Reisen zur Bildung oder gar zum Vergnügen sind für die heimkehrenden Gastarbeiter undenkbar.
Das spannend und äußerst anregend geschriebene Buch umfasst etliche Reiseberichte über einen Zeitraum von fast Jahren über die Türkei, Syrien  und Persien, Afghanistan, Pakistan  und Indien.  Auch Fernost, Thailand, Kambodscha bis China bereist Gerhard Schweizer mehrmals  während  dieses langen Zeitraums  und unter veränderten politischen Bedingungen. Besonders interessant sind die immer wieder auftauchenden  Reflektionen  mit der eigenen heimatlichen Kultur und Sichtweise, dabei werden auch unangenehme Wahr-heiten angesprochen.
Schweizer beschreibt wie es zunehmend  schwieriger wird authentische Eindrücke zu finden, in dieser sich ähnelnden Welt.  Schweizer bekennt, dass er ein Teil des globalisierten Reisens ist.
Auch die Aspekte der Migrationsbewegung werden sehr ausgewogen von allen Seiten beleuchtet. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu unseren derzeitigen Problemen , auch in Bezug auf Pandemien.