Buchtipps

Norbert Gstrein , Als ich jung war

 

Die Erzählfigur , einTiroler Hobby-Hochzeitsfotograph , verstrickt sich durch sein Verhalten in Situationen die ihn der Pädophilie und im Fall der toten Braut des Mordes verdächtig machen. Die Hintergründe des mysteriösen Todesfalles werden von verschiedenen Seiten poetisch beleuchtet. Verstärkt auftretende Gerüchte veranlassen den Erzähler nach Wyoming /USA auszuwandern und dort sein Einkommen 13 Jahre lang als Skilehrer in der Wintersaison zu suchen. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.

 

UdoLielischkies, Im Schatten des Kreml

 

 

Nach 5 Jahren als Korrespondent im ARD -Studio Brüssel wechselte Udo Lielischkies 1999 nach Moskau und blieb dort bis 2006.  2012 kehrte er  nach 6 -jâhrigen Aufenthalt in Washington nach Moskau zurück und war dort bis 2018 Studioleiter im ARD-Studio ..  Als einer der besten Kenner Rußlands während der Putin Ära  schreibt er in seinem authentisch und spannend zu lesenden  Buch  über die Politik des Kreml, das Leben in der atemlosen Metropole Moskau, vor allem aber – mit viel Empathie – über die beeindruckende Menschen in den Weiten der russischen Provinz:. Er berichtet  fundiert und glaubhaft  über die unvorstellbaren Gegensätze  , die grassierende Korruption  und die Spielregeln im System Putin  „Im Schatten des Kreml“ ist ein bestechender, authentischer Blick auf das heutige Russland.. Udo Lielischkies beweist mit seinem Buch überzeugend  , dass er das  journalistische Handwerk beherrscht.

 

Peter Wohlleben: Das geheime Band zwischen Mensch und Natur

Mit seinem 4.Buch gelingt es dem Forstwissenschaftler Wohlleben wieder , uns erstaunliche Erkenntnisse zu vermitteln  und unser Interesse an der Natur zu fördern. Das Buch legt großen Wert auf die Beziehung  zwischen Mensch und Wald. Sehr intertessant, ja äußerst spannend sind seine Ausführungen zu den Wechselwirkungen des Waldes auf die Psyche des Menschen und unsere Sinne. Jahrtausende lebten wir in Harmonie mit der Natur , die uns so viel geben kann.  Vor langer Zeit gewonnene Erkenntnisse aus dem Umgang mit dem Wald sind uns verloren gegangen. Durch den Klimawandel bedingt , verstärkt auftretende Schäden an Rendite-Monokulturplantagen  zeigen uns deutlich auf , dass wir auf dem Irrweg waren. Wenn wir umdenken und bereit sind in größeren Zeitdimensionen zu denken, regeneriert der Wald sich selbst und kann sich auf Temperaturunterschiede und Schädlinge einstellen.
Wie  in den vorherigen Büchern lässt mich Wohlleben immer wieder staunen. Er erweitert ganz klar unseren Horizont , lässt uns die Natur , und vor allem den Wald ganz anders sehen, nämlich als lebendiges Wesen , das Netzwerke bildet , das atmet  und für uns Menschen enorm wichtig ist. Die Beschäftigung mit diesem Buch gibt uns die Möglichkeit wieder ins Gleichgewicht mit der Natur zu kommen. J.H.

 

Francis Fukuyama, Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler ist mit seinem 1992 erschienenen Bestseller “ Das Ende der Geschichte“ international bekannt geworden. Er beschrieb die Geschichte in ihrem Verlauf als einen Siegeszug der Demokratie und der Menschenrechte. Grundlage war die Feststellung, dass sich die liberale Demokratien von 35 weltweit in den 1970-er Jahren auf 110 im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts erhöht haben.
Die rückläufige aktuelle Entwicklung, die wir weltweit beobachten können, ist dem Umstand geschuldet , dass der demokratische Konsens in der Gesellschaft schwindet,  zu Gunsten von autoritärem Nationalismus in Verbindung mit gelenkten Kapitalismus.
Das Wegbrechen der Mittelschicht und deren Ausgrenzung, haben zum Identitätsverlust großer Teile der Gesellschaft geführt.  Dies ist die Basis für eine rechte Identitätspolitik, die uns in  die Zeit von Egoismus und Nationalismus führen kann. Nur wenn wir dies verstehen  und um unsere  demokratischen Errungenschaften kämpfen, können wir deren Untergang stoppen. Fazit: Ich habe diesen intelligenten Beitrag zur aktuellen Entwicklung mit Genuß gelesen . J.H.

 

Christoph Driessen, Geschichte Belgiens: Die gespaltene Nation (Kulturgeschichte) Pustet Verlag September 2018

Christoph Driessen stellt in seinem gerade erschienenen  Buch die Geschichte des belgischen Raumes  von seinen Anfängen in der Antike , über das Frühmittelater bis hin zur aktuellen Zeitgeschichte kompakt und gut strukturiert dar.  So werden die einzelnen Kapitel kurzweilig mit Personenporträts und Stichworten zur jeweiligen Zeitraum ergänzt , die es leicht ermöglichen gelesenes nochmals nachzuschlagen oder gezielt aufzusuchen.

Flandern, Brabant, Hennegau sowie das Bistum Lûttich entwickeln sich nach der Römerzeit als selbständige Herrschaftsgebiete und erlangen einen wesentlichen  wirtschaftlichen Aufschwung .

Im Brügge des 14. Jahrhunderts hatten alle bedeutenden, italienischen Bank-und Handelshäuser Ihre Niederlassungen . Brügge selbst leistete auf einem anderen ökonomischen Gebiet Pionierarbeit. Der Kaufmann van der Buerse ( ca. 1256-1320) unterhielt  in Brügge ein zentrales Gästehaus, in dem die wichtigsten Handeltreibende   Kaufleute abstiegen . Auch ähnliche Plätze in anderen Städten übernehmen die Funktion und den Namen Börse .

Das Herzogtum Burgund , 1363  vom französischen König als Lehen an seinen jüngsten Sohn Philipp gegeben, entwickelte sich durch Heirat und Erbschaft  zu einem der reichsten Staatengebilde. Durch Heirat der Erbtochter des Grafen von Flandern erweiterte Philipp nach dessen Tod  sein Gebiet  zu einem größeren Länderkomplex .   Philipp und auch  verstärkt sein Sohn standen in einer gewissen Konkurrenz  zu Frankreich .

Das Burgundische Reich war jedoch nicht von langer Dauer. Bereits der Nachfolger Karl der Kühne oder Tollkühne überspannte den Bogen gewaltig, sodass sein Reich zerschlagen und zum Teil als Lehen an die französische Krone zurückfiel. In dieser Krisensituation sah Maria von Burgund nur noch Hoffnung in Maximilian von Habsburg.

Über den Zeitraum der spanischen und habsburgischen Niederlande geht der Autor zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert über und stellt Belgien als erste Industrienation Kontinentaleuropas dar. Das Buch spart neben der  Geschichte der belgischen Staatsgründung , der Geschichte des belgischen Königshauses , die düstere Kolonialgeschichte  unter Leopold II.  nicht aus.

Die Zeit der zweimaligen deutschen Besatzung und die Zwischenkriegszeit wird ausgewogen dargestellt. Den Abschluß bildet das Kapitel „Die gespaltene Nation – Belgien seit 1945 . u.a. der Aufstieg  Brüssels  zum Mittelpunkt der Europäischen Union.

Neben zahlreichen Illustrationen , Karten und Porträts  ist besonders auch der Anhang hervorzuheben, in diesem findet der Leser neben einer Zeittafel , ein kommentiertes Literatur – und Quellenverzeichnis , sowie ein Orts, Personen und Stichwort-Register .

Das hervorragend geschriebene Buch schließt kompetent eine Lücke in der bereits vorhandenen Literatur  über Belgien in deutscher Sprache  .

 

Daniel Schönpflug „Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch „

Der Berliner Historiker Daniel Schönpflug läßt in seinem Buch die unterschiedlichsten Zeitzeugen  mit ihren  Erfahrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen zu Wort kommen , die das Jahr 1918 und die unmittelbaren  Jahre danach bis 1923  lebendig werden lassen , so u.a. sind das neben dem Unterzeichner der Waffenstillstandsbedingungen, dem deutschen Staatssekretär Matthias Enzensberger, Käthe Kollwitz, Virginia Woolf , Gandhi, Harry Truman, George Grosz, Walter Gropius, Anna Mahler-Werfel, der französische  General  Ferdinand Foch .

Nach Beendigung des verheerenden Weltkrieges , beginnt für junge Demokraten, Intellektuelle und Künstler ein hoffnungsvoller Aufbruch in eine neue Zeit mit liberalen Staatsstrukturen  , Frauenwahlrecht und Rechtssicherheit. Neben der Euphorie gibt es aber auch Skepsis schließlich Enttäuschung und aufkeimender Hass.

Dieses Meisterwerk ist kurzweilig und sehr informativ geschrieben.  Es gibt einen guten Einblick in die unterschiedlichen Strömungen dieser Umbruchzeit, die das weitere 20. Jahrhundert nachhaltig prägten.

 

Daniel Kehlmann „Tyll“

In Daniel Kehlmanns spannenden und sehr unterhaltsamen  Roman wird die Figur des allseits  bekannten  Schelmen Till Eulenspiegel in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges versetzt. Tyll wächst als der Sohn eines  forschenden  und heilkundigen Müllers auf, der  seiner Zeit weit voraus ist. Das macht ihn verdächtig, als zwei durchreisenden Jesuiten auf den Vater aufmerksam werden und Befragungen im Dorf  anstellen, finden sich bald belastende Zeugen,  die den Müller der Hexerei bezichtigen, ihm wird der Prozess gemacht. Nach der Hinrichtung des Vaters  muss Tyll fliehen,  zusammen mit der Bäckerstochter Nele schließt er  sich dem Gaukler  Pirmin an.Bei ihm durchläuft er  eine harte Schule und erlernt das notwendige Handwerk , um sein Leben als Narr bestreiten zu können. Fortan reist er durch das von  Krieg, Hungersnöten, geplagte Land und treibt seinen Spaß mit den  einfachen Leuten und verspottet die  Obrigen. Seine Wege kreuzen sich mit vielen Persönlichkeiten jener Zeit , deren Namen in Geschichtsbüchern noch zu finden  sind . So zeichnet  der Autor  sprachgewaltig und  atmosphärisch dicht  ein Panorama des Dreißigjährigen Krieges, die Verheerungen die dieser Glaubenskrieg im Lebensalltag der Menschen anrichtete. Ein sehr empfehlenswertes Buch, dass Lust macht sich vertiefend mit der Geschichte des Dreissigjährigen Krieges zu beschäftigen.

 

Carel van Schaik, Kai Michel „Das Tagebuch der Menschheit“

Analog zur Vertreibung aus dem Paradies trägt das erste Kapitel des Buches die Überschrift „Als das Leben schwierig wurde“. Das war vor ca. 12000 Jahren, als die Menschheit sesshaft wurde. Die Zeit des freien Sammelns und Jagens nahm zwangsläufig ein Ende, es begann die Mühsal der agrarischen Naturproduktion. Ackerbau und Viehzucht brachten die Erfindung des Eigentums als folgenreichste Konsequenz des Sesshaftwerdens mit sich. Aus dem, was für jeden Umherziehenden frei zugänglich war, entstand nun der Besitz, das Eigentum. Meins und deins und somit der Kampf um Erwerb und dessen Verteidigung. Die Autoren sehen dies als den eigentlichen Sündenfall.

Die Menschen mussten sich mühsam anpassen. Die Bibel dokumentiert auf verblüffende Weise wie Gewalt, Kampf, Krieg und Ausbeutung das Leben des Menschen prägten.

Sie zeigt aber auch, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb uns nicht schon immer die Angst vom Tod umtrieb.

Die beiden Autoren nehmen uns mit auf eine Reise voller Überraschungen, die von Eden bis nach Golgotha und zur Apokalypse führt. Dabei eröffnet sich eine neue Perspektive auf die kulturelle Evolution des Menschen und der Religion, die nicht zuletzt verständlich macht, warum wir instinktiv immer noch eine Sehnsucht nach dem Paradies verspüren.

Das überaus interessante und spannend geschriebene Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.  JH

 

 

Heinz Schilling „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“

In diesem Buch wird das Zeitalter der Reformation aus einem globalen Blickwinkel betrachtet.
Ausgangspunkt sind die großen Ereignisse von 1517, die die Welt dieser Zeit prägen. Man erstaunt, welche Ereignisvielfalt diese Zeit und besonders dieses Jahr zu bieten hat. Fremde Länder und Kontinente rücken dabei ins Licht, Machtkonstellationen und unterschiedliche Lebensverhältnisse werden berücksichtigt. Wir lernen den entstehenden Geld- und Warentransfer kennen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Menschen im 16. Jahrhundert trotz der Entdeckungen sowie der europäischen Expansionen noch weitgehend vom Rest der Welt getrennt lebten, so versteht man besonders die Bedeutung der Entwicklungen.
1517 in seiner Epoche des Umbruchs brachte weltweit entscheidende Veränderungen, neben den Religionen vor allem politische, klimatische und ökonomische, und somit große Verunsicherungen für die Menschen.
Mit diesem Buch hat Heinz Schilling, Professor für Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt Universität Berlin, ein fulminantes Buch im Reformationsjahr vorgelegt. Das Buch ist im renommierten C. H. Beck Verlag erschienen. Von dem gleichen Autor liegt auch die berühmte Luther-Biografie „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ bereits in der 3. Auflage vor.
Da im Werk globale Geschichtsereignisse weltweit dargestellt werden, lohnt es sich beim Lesen Putzgers Historischen Atlas parallel zur Kenntnis zu nehmen.

 

Christopf Ransmayr „Cox“

Der Versuch die die Zeit mit einer zeitlosen Uhr zu erfassen, ist das zentrale Thema des neuen Romans „Cox – oder der Lauf der Zeit“

Cox ist der berühmteste Uhren- und Automatenbauer seiner Zeit. Sein Ruf ist aus London an die Königshöfe Europas des 18. Jahrhunderts gelangt, in deren Auftrag er die perfektesten und kostbarsten Uhren und Präzisionswerke baut. Als Geschenke der Ostindiengesellschaft sind diese vollkommenen Kunstwerke bis zu Quionlong, dem allmächtigen Kaiser von China, gelangt.

Der Kaiser ein Liebhaber und Sammler von Uhren und anderen machanischen Meisterwerker schickt zwei Gesandte, um Cox mit seinen wichtigsten Mitarbeitern nach Peking in die Verbotene Stadt einzuladen.

So wie die Uhren von Cox ist dieser Roman von Ransmayr ein Meisterwerk an Schönheit der Sprache und Vergänglichkeit der Zeit.

Der größte Wunsch des Kaisers ist eine Uhr für die Ewigkeit.

Eines der schönsten Bücher dieses Jahres. JH